Raw text (2)
Verdacht in Hamburg
Im Intendantenzimmer des Senders Hamburg gab es Ärger. „Ihre Vergnügungssucht ist grotesk!” grollte Rundfunkintendant Dr. Herbert Böhm, „Als ich so jung war wie Sie, Gaston, hätte ich mich auf eine solche Reportage gestürzt wie ein Camarguestier auf einen Torero!” „Aber ich habe mich so auf meinen Urlaub gefreut, Chef!” schluchzte Gaston Mercier. „Urlaub! Papperlapapp! Ist das etwa kein Urlaub, diese Fahrt ans herrliche Mittelmeer? Hier ist es kalt und naß, dort scheint die Sonne!“ „Aber Sie kennen die Camargue nicht, Chef! Ein furchtbares Land! Öde, wüst und leer. Und auf Stiere pfeife ich. Die Camargue ist die Hölle. Ich kenne sie! Ich stamme aus Marseille!“ „Eben drum, Gaston!" trumpfte Dr. Böhm auf. „Sie kennen die Camargue, Sie sind ein kluges Köpfchen und ein vorzüglicher Autofahrer. Sie werden noch heute mit dem Taurus meiner Frau zur Société Anonyme Taurus fahren und folgende Fragen beantworten: Frage eins: Warum baut die Société keine Tauruswagen mehr? Frage zwei: Warum wurden die Kühlerfiguren der Tauruswagen ausgewechselt? Frage drei: Ist Horace Still, der Generalsekretär der Societe, übergeschnappt oder nicht?” „Übergeschnappt?" „Passen Sie auf! Sie wissen, daß meine Frau einen Taurus fährt, Charlotte hat sich trotz wiederholter Bitten der Vertragswerkstatt stets geweigert, die alte Kühlerfigur ihres Wagens gegen das goldene ‚T’ auswechseln zu lassen. Charlotte betrachtet diese Blechkugel als eine Art Talisman, obwohl sie aussieht wie ein schäbiger Spatz nach einem Hagelschauer." „Aber Ihre verehrte Gattin, Chef, ist eine allgemein bewunderte Schönheit — wie können Sie sie mit einem schäbigen Spatz vergleichen?" protestierte Gaston leidenschaftlich. „Reden Sie kein Blech, Gaston!" schnaubte Dr. Böhm. „Ich meine natürlich mit schäbigem Spatz die Blechkugel und nicht Charlotte. Aber unterbrechen Sie mich nicht dauernd, Gaston! In der vergangenen. Woche ist dreimal in unserer Garage eingebrochen worden! Das erste Mal vertrieb Jupiter, unser Schäferhund, den Dieb, aber das Schloß war bereits angefeilt: Das zweite Mal erwachte meine Frau von einem Geräusch an der Garagentür, bewaffnete sich mit einem Briefbeschwerer, stürzte nach unten, fand Jupiter mit einer Hammelkeule beschäftigt und das vollends erbrochene Garagenschloß. Das dritte Mal legten wir uns auf die Lauer und erwischten den Dieb!" „Na, wunderbar!" sagte Gaston, nicht sehr interessiert. „Und wer, glauben Sie, war der Dieb?" tönte Dr. Böhm. „Kein Geringerer als Horace Still, der Generalsekretär, persönlich!" „Donnerwetter!" rief Gaston, nun doch interessiert. „Genau das habe ich auch gesagt, als ich Horace Still beim Kragen packte. Still grinste aber nur gelassen und hielt mir ein goldenes ‚T’ unter die Nase. Er hätte, behauptete er, es gegen die alte, wertlose Blechkugel austauschen wollen!" „Sie haben Horace Still der Polizei übergeben?” „Aber nein! Riechen Sie nicht den Knüller, Gaston? Da stimmt doch etwas nicht! Ich habe vielmehr mit dem Generalsekretär ein Abkommen getroffen. Dafür, daß ich ihn laufen ließ, sollte die Société meinem besten Reporter — das sind Sie, Gaston — ein Exklusivinterview gewähren und ihm alle Fragen beantworten. Horace stimmte zu, machte aber zur Bedingung, daß die Blechkugel nach dem Interview doch ausgewechselt werden dürfte. Er versprach mir, daß das die tollste Reportage werden würde, die je über einen Sender oder durch die Spalten einer Zeitung gelaufen wäre. Nun, Gaston, immer noch Ärger wegen Ihres Urlaubs?“ „Nein, Chef! Auf in die Camargue!” Ein paar Tage später stürzte Gaston Mercier aufgeregt in das Intendantenzimmer und überreichte Dr. Böhm mit zitternden Händen das Manuskript. „Lesen Sie, Chef, lesen Sie!” keuchte er. „Sie werden es nicht glauben, aber jedes Wort ist wahr!" Dr. Böhm überflog das Manuskript und warf es dann kopfschüttelnd auf den Schreibtisch. „Kein Hörer nimmt uns das ab, Gaston!” fauchte er. „Ich will Ihnen nicht zu nahetreten, aber ich glaube, daß Sie in der Camargue einen Sonnenstich gehabt haben! Die haben Sie da unten anscheinend ganz schön auf den Arm genommen — dieser Horace Still, dieses Fräulein Sisa und diese Doppelgänger!” „Aber Mademoiselle Sisa — das schönste Mädchen der Welt —, ich bin Menschenkenner, Chef, nie wäre eine Lüge über ihre wundervollen Lippen gekommen! Und ich habe ja auch ihre andere Gestalt gesehen. Ich schwöre Ihnen, Chef, daß..." „Ha! Da haben wir es, Gaston!” rief Dr. Böhm. „Sie sind dieser schwarzhaarigen Schönheit aufgesessen! Sie sind ein Schwachkopf, Gaston!” Gastons Augen funkelten vor Empörung. Er kniff die Lippen zusammen und kramte in seiner Aktentasche herum. Dann zog er einen in Seidenpapier gewickelten Gegenstand hervor und warf ihn unausgepackt vor seinem Chef auf den Schreibtisch. „Das hier", sagte Gaston mit düsterer Stimme, „ist Mademoiselle Sisa!” Dr. Böhm entfernte die Papierhülle und starrte dann angewidert auf Fräulein Sisa. „Ach, trampeln Sie nicht auf meinen Nerven herum, Gaston!” stöhnte er. „Was Ihnen not tut, ist eine gehörige Abkühlung! Noch heute fliegen Sie nach Grönland und interviewen Miß Eskimo, die neue Schönheitskönigin! Die Flugkarte liegt in meinem Sekretariat!" „Schon wieder Fischgeruch!” murrte Gaston. „Sie glauben mir also nicht, Chef?" „Aus meinen Augen, Gaston! Bevor Sie ein Irrenarzt erwischt!" Gaston Mercier verschwand beleidigt in Richtung Grönland. Nachdem der Reporter fort war, betrachtete der Rundfunkintendant stirnrunzelnd das, was Gaston Mademoiselle Sisa genannt hatte. Plötzlich bekamen Dr. Böhms Augen einen eigentümlichen Glanz: Statt Scheren hatte das Ding auf seinem Schreibtisch so etwas ähnliches wie Hände, die kleinsten und zierlichsten Hände der Welt! Vorsichtig beklopfte Dr. Böhm das Ding. Es klang hohl — aber mußte es nicht hohl klingen, wenn Fräulein Sisa die Weiterfahrt angetreten hatte? Wenn nun doch etwas an dieser unglaublichen Geschichte dran war? Wenn Gaston nun doch nicht nur im Fieberwahn geschrieben hatte? Dr. Böhm griff nach dem Manuskript und las es zum zweitenmal.
Raw text (3)
Das Geheimnis des Stiers
Ich weiß nicht, meine Hörer, wie ich diese Geschichte beginnen soll — eine Geschichte, die ich selbst nicht glauben könnte, wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte. Lassen Sie mich damit beginnen, als ich die Tür zum Kasino der Tauruswerke öffnete. Ein Höllenlärm schlug mir entgegen. Die Luft da drinnen war keine Luft mehr, sondern ein brodelndes Meer aus Tabakqualm und Jazzrhythmen, aus Gläserklirren und einem wirren Durcheinander von Gesang, Gesprächsfetzen und wüstem Hämmern unzähliger Fäuste auf Tische, Stühle und holzgetäfelte Wände. Auch Füße waren an dem Lärm beteiligt — irgendwo schien getanzt zu werden. Mit einem Wort, meine Hörer, es war alles andere als feierlich! „Ein toller Betrieb, ma cherie!“ sagte ich zu Mademoiselle Sisa. Sie war mir auf dem Fuße gefolgt und lächelte mich mit dem gleichen bezaubernden Lächeln an, mit dem sie mich bereits in der Pförtnerloge von Tor eins begrüßt hatte. „Ach, das sind die Damen der Sekretariate, die Direktoren, die Ingenieure, die Meister und die Pförtner. Sie feiern Abschied. Sie wollen noch. einmal recht ausgelassen sein, bevor..." „Bevor was?” „Nun, das wird Ihnen Mister Still erzählen. Er hat Ihrem Chef versprochen, die Karten auf den Tisch zu legen, und er wird es tun! Wir nehmen hier nur eine kleine Erfrischung zu uns, und dann führe ich Sie zum Generalsekretär. Einverstanden, Monsieur?“ Ohne mein Kopfnicken abzuwarten, rief sie dem Mixer hinter der Bar ein paar unverständliche Worte zu. Im Nu erschienen zwei bis zum Rand gefüllte Gläser. Der Mixer sah aus wie Albert Einstein, nein, er war Albert Einstein, wenn er Albert Einstein hätte sein können! Meine Augen hatten sich an den Tabaknebel gewöhnt. Plötzlich sah ich lauter bekannte Gesichter — Politiker, Wissenschaftler, Filmschauspieler, Musiker, Maler, Schriftsteller, Sportler —, Gesichter, die jedes Kind kennt. Plötzlich wußte ich auch, an wen mich Mademoiselle Sisa erinnerte. Ich trank ihr zu. Sogleich wurde ich von einem rosaroten, angenehmen Nebel eingehüllt, der mich völlig kritiklos zu machen schien. „Sie sind doch die Olympiasiegerin im — na, ich weiß nicht, im was. Stimmt doch, oder? Aber die hieß doch nicht Sisa?" brachte ich gerade noch hervor. Mademoiselle Sisa lachte. „Namen sind Schall und Rauch — so sagt man doch, nicht wahr?” „Aber alle diese berühmten Menschen hier im Kasino — wie kommen sie hierher? Das kann doch nicht wahr sein?” sagte ich mit letzter Kraft. Doch gleich darauf zuckte ich die Achseln und war keineswegs mehr überrascht, als ich mit dem Präsidenten der Republik zusammenstieß. „Pardon, mon Général!” stammelte ich. Der baumlange Präsident gab mir einen freundschaftlichen Klaps und wandte sich einer berühmten amerikanischen Filmschauspielerin zu, mit der er würdevoll zur Bar schritt. „Nette Leute!“ nickte ich kritiklos. „Und 'n hübschen Lärm machen die! Wollen wir noch einen trinken?" Mademoiselle Sisa lächelte, ergriff mich beim Arm und zog mich zum Ausgang. „Vielleicht später einmal — in tausend Jahren. Jetzt erwartet uns Mister Still. Kommen Sie, Gaston! Schade, Sie sind ein netter Kerl!" Mir war, als ob sie mich bedauernd anblickte. Mir aber war alles gleich. Was war das nur für ein Getränk gewesen? Wir verließen das Kasino und gingen durch endlose Montagehallen, deren Bänder stillstanden und die völlig menschenleer waren. Wir überquerten Höfe, über deren gähnender Leere die Sonne der Camargue brütete. Kein Laut war zu hören. Das ganze Werk war wie ausgestorben. Welcher Kontrast zum Lärm im Kasino! Weswegen war ich eigentlich hierher gekommen? Trotz meiner rosaroten Benommenheit fiel mir etwas ein — die Kühlerfigur vom Tauruswagen der Gattin meines Chefs. „Warum, Mademoiselle”, sagte ich, „haben Sie bereits in der Toreinfahrt die Kühlerfigur meines Taurus abgeschraubt und in Ihre Rocktasche gesteckt?" „Sie meinen Frims — " „Frims? Wer ist Frims?" „Frims, der Generalmusikmeister der Oper ‚Dreiunddreißig‘. Darf ich Ihnen in seinem Namen herzlich dafür danken, daß Sie ihn nach Hause gefahren haben?” „Bitte schön, Mademoiselle!” sagte ich höflich. „Keine Ursache!” Was scherte mich Frims? Wir waren vor einem flachen, einstöckigen Gebäude angekommen. Erbarmungslos prallten die Sonnenstrahlen von der weißen Außenmauer zurück. Wir traten schleunigst ein und standen in einer riesigen, kühlen Halle. Sieben große Türen waren mit Seekarten beklebt. Ich erkannte sieben Meere — Pazifischer Ozean, Atlantischer Ozean, Mittel- meer, Nordsee, Indischer Ozean, Nordpolarmeer und Südpolarmeer. „Hallo, cherie!" sagte ich — ohne mich zu wundern — zu meiner Begleiterin, „die Tauruswerke satteln wohl auf Seeschiffahrt um?” „Wir hätten — beinahe!” sagte eine männliche Stimme hinter mir. „Aber wir haben es uns anders überlegt. Ich begrüße Sie, Monsieur Mercier!" Ich drehte mich um und stand Horace Still gegenüber. Der Generalsekretär der Société Anonyme Taurus gab mir die Hand und wandte sich dann an Mademoiselle Sisa. „Haben wir Frims?" sagte er, hörbar besorgt. „Sie hat ihn in der Rocktaschel” nickte ich. „Der Generalmusikmeister hatte eine angenehme Fahrt. Von Hamburg nach Marseille mit der Bahn, von dort in die Camargue auf vier Rädern, Eigentlich sollten Sie die Kühlerfigur...” Mademoiselle Sisa und Mister Still lachten. Dann sagte der Generalsekretär: „Ich weiß. Eigentlich sollten wir die Kugel erst zurück bekommen, wenn Sie Ihr Interview gehabt hätten. Aber Sie können unbesorgt sein, Mister Mercier! Ihr Interview ist Ihnen sicher. Folgen Sie mir bitte!" Horace Still schritt zu einer schmalen Wendeltreppe, die nach oben führte. Ich schickte mich an, ihm zu folgen; Mademoiselle Sisa schien in der Halle zurückbleiben zu wollen. „Aber Sie dürfen mich nicht verlassen, Mademoiselle!" protestierte ich. Der Generalsekretär sah mich eigentümlich an. „Ich fürchte, mein Freund”, sagte er, „daß Sie in einigen Minuten sehr unangenehm überrascht sein werden! Aber komme ruhig mit, Sisa, ich kann dich auch oben speichern.” Die letzten Worte hatte er an das Mädchen gerichtet. Es nickte und folgte uns über die Wendeltreppe nach oben. Ich will die Sache nicht spannender machen, als sie ohnehin schon ist. Jedenfalls befanden wir uns bald darauf in einem Labor. Auf langgestreckten Tischen standen Geräte seltsamer Art. „Jeden dieser verzwickten Apparate”, sagte Horace Still, „mußte ich aus einem winzigen Grundgerät aufbauen. Zum Beispiel diesen!” Er deutete auf eine Maschine, die wie ein Backofen aussah. „Das ist”, fuhr er fort, „eine Maschine, die ein körperliches, dreidimensionales Gewebe erzeugt, indem sie im Raum Materie aus den entsprechenden Atomen synthetisiert. Mein sogenannter Replikator braucht nur Wasser und Luft, um jeden Stoff herzustellen. Aus den einfachen Elementen Wasserstoff, Stickstoff und Sauerstoff baut er höhere Elemente auf und verbindet sie planmäßig. Die freiwerdenden Energiemengen lassen sich dabei zur endothermen Synthese schwerer Elemente benutzen, zum Beispiel von Gold.” Gold? Ich schalte ziemlich schnell, auch wenn ich einen rosaroten Nebel im Gehirn habe, von einem Mixgetränk, das — dessen bin ich sicher — mich daran hindern sollte, Alarm zu schlagen, ehe alles vorüber war! Ich sagte: „Mit Hilfe dieses Replikators haben Sie also die Goldstücke in der Amphora erzeugt, die Monsieur Etienne Tantin ‚zufällig’ auf seinem Grundstück gefunden hatte?“ Sisa sah mich bewundernd an, und Horace Still nickte. „Sie sind sehr klug, Monsieur! Zu klug”, sagte er. „Viele von euch sind zu klug. Ich habe euch unterschätzt. Ihr und wir — das kann nicht gut gehen. Was möchten Sie noch wissen?” „Alles natürlich!” lächelte ich, ohne den dunklen Sinn seiner Worte zu beachten. „Was steuert den Replikator?” Horace Still ergriff einen winzigen Metallwürfel, der mit anderen in einem kleinen Behälter lag. „Diese Matrize”, sagte er, „ist das Produkt eines Informationssammlers, einer Art Röntgenapparat. Sie sehen ihn dort in der Ecke. Sie wissen wohl, daß jeder Gegenstand der physischen Welt durch zwei Faktoren vollständig zu bestimmen ist — die Zusammensetzung seines Stoffes und den Bauplan. Ihr Körper, Monsieur, besteht aus fünf mal zehn hoch siebenundzwanzig Atomen. Mein Informationssammler könnte Ihren Körper Atom für Atom abtasten und eine Kette. elektrischer Impulse in diesem Metallwürfel speichern. Gebe ich diese Matrize, in der die Zusammensetzung und der Bauplan Ihres Körpers notiert sind, in den Replikator, dann stünde sehr schnell ein zweiter Gaston Mercier vor Ihnen!“ „Sind Sie des Teufels, Mann!“ rief ich. „Wer sind Sie?” „Ein Pilot!” sagte Horace Still. „Allerdings war meine Intelligenz für Tausende von Jahren in ein Robotergehäuse eingeschlossen. Denn kein organisches Lebewesen hielte jahrtausendelang eine Fahrt durch eine Flut tödlicher Strahlen aus. Und bedenken Sie die endlose Zeit in einer winzigen Kapsel!“ „Natürlich. Höchst unangenehm!" pflichtete ich ihm bei. Meine rosarote Kritiklosigkeit hielt unvermindert an, „Aber was hat das alles mit dem Tauruswagen zu tun?" Meine Neugierde war ungeschwächt. „Um Ihnen das zu erklären”, sagte Horace Still, „muß ich ein wenig zurückgreifen. Und ich werde Ihnen dabei einen Film zeigen.“ Er schaltete einen Bildschirm ein, auf dem sogleich ein farbiges Bild erschien. Über einem grünen, leicht gekräuselten Meer stand eine riesige, rote Sonne. Das Meer wich zurück, und die Horizonte schlossen sich zu einer grün schillernden Kugel zusammen. „Diese Aufnahmen”, erklärte Horace Still, „wurden aus einer Kapsel gemacht, die den Planeten für immer verließ!” Der Planet, der nur aus einer einzigen Meeresfläche zu bestehen schien, schrumpfte zusammen und verschwand. Auch die rote Sonne wurde kleiner und kleiner und zu einem schimmernden Stern. Plötzlich flammte der Stern in einer grellen Explosion auf. „Unsere Wissenschaftler”, sagte Horace Still, „haben die Katastrophe rechtzeitig vorausgesehen und Maßnahmen getroffen, uns in Sicherheit zu bringen. Körper und Intelligenzinhalte wurden im Informationssammler gespeichert, die winzigen Speicherwürfel in einen Behälter getan, und der gegen alle möglichen schädlichen Einflüsse unempfindliche Roboterpilot begab sich auf die Reise, um eine neue Heimat zu suchen. Ich fuhr von Sonnensystem zu Sonnensystem; aber erst nach über fünftausend irdischen Jahren fand ich den Planeten, der uns angemessene Lebensbedingungen bot.” Auf dem Bildschirm stand immer noch die grelle Supernova inmitten eines unendlichen Sternenmeeres. Ich weiß, meine Hörer, was eine Supernova ist; ich habe mich mit Astronomie beschäftigt. Das war eine Supernova — aber welche? „Wie heißt dieser Stern?“ fragte ich. „Chinesische Astronomen”, sagte Horace Still, „haben die Supernova im Juli des Jahres 1054 beobachtet. Sie ist längst erloschen. In dieser Schublade — ", Horace Still deutete auf einen Schreibtisch neben einem geöffneten, kreisrunden Fenster, „finden Sie eine Aufnahme des Mount-Palomar- Observatoriums. Sie zeigt Ihnen das Gebilde, das von unserer Sonne übriggeblieben ist. Nachher, wenn Sie gehen, Gaston, können Sie das Foto an sich nehmen. Nun aber zurück zum Taurus!” Horace Still schaltete den Bildschirm ab. Ich blickte auf Sisa, die auf dem Rand des Labortisches saß und eine Zigarette rauchte. „Die letzte!” sagte sie und nickte mir zu. Mir war seltsam zumute, aber Horace Still fuhr fort: „Als wir auf der Erde in unser Lebenselement eintauchten, holte uns ein Fischer namens Etienne Tantin wieder heraus. Und so kamen wir mit den Menschen in Berührung. Während Etienne Horace Still im Fernsehen bewunderte, entstieg ich der Kapsel und formte mit Hilfe eines kleinen Informationssammlers und eines Replikators nach dem Körper Etiennes und dem Bilde Horace Stills — mich!” Ich sah Sisa an und dachte an die Gesellschaft im Kasino „Und Mademoiselle und die da unten im Kasino?” fragte ich atemlos. „Einige von uns formte ich nach berühmten irdischen Vorbildern. Aber diese Doppelgänger blieben in der Camargue, Es war so eine Art Urlaub für sie — nach der langen Fahrt. Niemand außer Ihnen hat sie gesehen. Die meisten von uns aber lernten die neue Welt kennen. Und wie lernt man die Erde und die Menschen am besten kennen?“ Horace Still beantwortete seine Frage selbst. „Im Automobil natürlich. Wir statteten die Tauruswagen, die nur deswegen gebaut wurden, mit einem winzigen Gehirn aus — unseren Gehirnen —, gespeichert im Metallkern der kleinen Blechkugel. Jedes Gehirn war durch feinste Nervenstränge mit den Organen seines Wagens verbunden. Winzige Fernsehlinsen und Mikrophone in der Karosserie schufen den Kontakt zur Umwelt. Eine schöne Welt. Leider müssen wir sie wieder verlassen!“ „Aber warum? Warum bleiben Sie nicht hier?” „Wir können nicht ewig als Automobile herumsausen!” lächelte Horace Still. Sisa warf den Rest ihrer Zigarette achtlos durch das offene Fenster. „Unsere Lebensform“, sagte sie, „die wir natürlich auch reproduzieren könnten und in der allein das Leben für uns lebenswert ist, ist anders als die eure. Sähen Sie mich in meiner wirklichen Gestalt, dann würden Sie sich vor mir ekeln, fürchte ich!” „Ich? Vor Ihnen, Mademoiselle? Nie!“ rief ich aus. „Aber gibt es denn keinen Platz auf der Erde, wo sie leben möchten?” „Doch. Viele Plätze sogar. Besonders sieben. Wir haben uns Proben besorgt. Wir würden uns wie zu Hause fühlen, wenn die Menschen nicht wären — und die Fischdampfer!” lächelte Sisa. In diesem Augenblick ertönte ein Klingelzeichen. Aus der Laborwand mir gegenüber drang das rasselnde Geräusch eines Aufzuges. Sisa sprang von ihrem Sitz herunter, öffnete ein Türchen in der Wand und holte eine kleine Glasschale, angefüllt mit winzigen Metallwürfeln, aus der Öffnung hervor. Sie reichte sie Horace Still, der die Würfel zu denen in dem kleinen Behälter tat. „Das ist die Gesellschaft aus dem Kasino!" erklärte Horace Still. Ich nahm, bei anhaltendem rosarotem Nebel im Gehirn, alles widerspruchslos hin und beobachtete Sisa, die die Kühlerfigur meines Tauruswagens aus der Rocktasche hervorholte, die Kugel öffnete, ihr einen weiteren winzigen Würfel entnahm und ihn zu den übrigen im Behälter legte. Das war also Frims, der Generalmusikmeister! „Und nun zu dir, Sisa!" sagte Horace Still und wandte sich dann an mich: „Haben Sie Nerven, Gaston?“ Ich nickte. Natürlich hatte ich Nerven mit dem Mixgetränk im Magen, Aber was würde geschehen? Es ging alles sehr schnell. Horace Still streifte über Sisas Handgelenke Manschetten, von denen Drähte zum Replikator und zum Informationssammler liefen. „Leben Sie wohl, Gaston!” sagte Sisa, und plötzlich löste sich das Mädchen in Luft auf — oder, genauer gesagt, in Wasserstoff-, Stickstoff- und Sauerstoffatome, wenn ich alles recht verstanden hatte. Gleich darauf fiel aus dem Replikator ein winziger Metallwürfel, den Horace Still geschickt auffing, in den Behälter tat und diesen dann verschloß.
Raw text (4)
Trotz des rosaroten Nebels in meinem Gehirn mußte ich wohl sehr blaß geworden sein, denn Horace Still sah mich fast mitleidig an und sagte: „Sie wollten ja alles genau wissen, Gaston! Die anderen haben sich unten in einem anderen Replikator zurückverwandelt, und der automatische Aufzug hat die Speicherwürfel nach oben gebracht. Aber wenn Sie der plötzliche Abschied von Mademoiselle Sisa. sehr schmerzt, dann gibt es für Sie ein Andenken. Unten in der Halle hinter der Tür zum Pazifischen Ozean finden Sie Sisas wahre Gestalt auf einem Tisch neben dem großen Glasbehälter. Und nun, mein Freund, müssen auch wir Abschied nehmen. Oder haben Sie noch irgendwelche Fragen?“ Ich schüttelte den Kopf. Ich litt sehr unter dem Verschwinden Sisas. Doch dann fiel mir etwas ein. „Von wo kommen Sie eigentlich, Monsieur Pilot?” „Ich erinnere Sie an die Fotografie dort drüben in der Schublade. Wenn auch ich gegangen bin, dürfen Sie sie hervorholen, und Sie werden die Antwort auf Ihre Frage finden. Wundern Sie sich nicht — auch wenn Sie die Wirkung unserer Medizin nicht mehr verspüren. Es waren Zufälle — ich meine die Stiere der Camargue, nach denen wir den Taurus genannt hatten, und unsere wirkliche Gestalt, die einem Gebilde an eurem Himmel gleicht! Und wenn Sie Etienne noch sehen sollten, dann grüßen Sie ihn von mir, und sagen Sie ihm bitte, daß er sich nun seine Fischkonservenfabrik bauen könne!“ Während er sprach, hatte Horace Still einen Panzerschrank geöffnet, der nichts weiter enthielt als eine große Kugel aus meergrünem Glas — oder aus was für einem Stoff auch immer, Er legte die Kugel auf den Labortisch, öffnete eine Art Luke in der Kugel und schob den Behälter in ihr Inneres. Dann streifte Horace Still sich die Manschetten über die Handgelenke, verband den Replikator mit allen übrigen Maschinen im Labor und drückte einen Hebel am Informationssammler herunter. Im Nu löste sich alles in Luft, oder was weiß ich, auf. Nur die meergrüne Kugel lag noch auf dem Tisch. Ich starrte die Kugel an, und plötzlich erschrak ich heftig. Über den Labortisch hinweg bewegte sich rasselnd ein kleines Maschinchen mit seltsamen Greifern auf die Kugel zu und sprang mit einem Satz in die Luke, die sich sogleich verschloß. Das also war der Pilot! Die Kugel hob sich geräuschlos vom Tisch — so, als ob sie schwerelos geworden wäre — und schoß durch das offene Fenster hinaus. Auf Wiedersehen, Sisa! Auf Wiedersehen Horace Still! Auf Wiedersehen? Ach, zum Teufel! Ich stürzte nach unten, machte auf halbem Wege halt und raste zurück ins Labor. Ich riß die Schreibtischschublade auf. Sie war leer bis auf eine große farbige Fotografie. Ich bin Amateurastronom, ich deutete es bereits an, meine Hörer! Was sah ich? Den wohlbekannten Nebel M 1 mit seiner eigenartigen Gestalt und den roten Filamenten, die ihre Farbe durch die Emission der roten Wasserstofflinie H Alpha erhalten! Der Crabnebel im Taurus, der Krabbennebel im Sternbild des Stieres! Das Überbleibsel der Supernova, die chinesische Astronomen vor über neunhundert Jahren beobachtet hatten! Der Nebel in meinem Gehirn war plötzlich verschwunden! Wer aber waren die Bewohner eines der Planeten dieser vor über fünftausend Jahren explodierten Sonne? Wie sahen sie aus? Wie? Ich raste von neuem die Wendeltreppe hinunter und riß in der Halle die Tür mit der Karte des Pazifischen Ozeans auf. Fast den ganzen Raum dahinter nahm ein riesiger Glasbehälter ein. Im Meerwasser hinter der dicken Scheibe bewegen sich Dinge wie Häuser, Straßen und andere Gebilde aus einem Material wie dünne Kunststoffolie. Meeresbewohner? Waren Sisa und Horace Still und die anderen Meeresbewohner? Mein Blick fiel auf den kleinen Tisch neben dem Wasserbehälter, wo die wirkliche Gestalt Sisas liegen sollte. Da lag sie, tatsächlich! Eine Krabbe! Oder vielmehr das Gehäuse einer Krabbe! Cancer pagurus, mit Brustbeinfußpaaren, Hinterleibsfüßen und Sprungfüßen! Das also waren die Zufälle, von denen der Pilot gesprochen hatte — Krabben aus dem Crabnebel im Stier! Aber gibt es denn Zufälle, meine Hörer? Wo im Labyrinth der Galaxis mögen sie heute sein — der Pilot, der Behälter und die Kapsel? Alles Gute, ihr Krabben!
Der Rundfunkintendant starrte vor sich hin und schichtete Blatt für Blatt des Manuskriptes wieder übereinander. Sollte er die Sendung bringen, sollte er sie nicht bringen? Plötzlich zerfiel vor seinen Augen das Gehäuse Sisas zu Staub. Ein Windstoß vom Fenster fegte den Staub vom Tisch. Von einer Sendung „Das Geheimnis des Stiers“ hat man nie etwas gehört.
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